Sola Scriptura?

Von Anhängern der Neuoffenbarung wird immer wieder, zum Teil auch zurecht, vorgeworfen, dass manche Christen nur die Bibel als Quelle göttlicher Offenbarung zulassen. Die Kritik auf dieser Seite richtet sich aber nicht an die bloße Existenz der Neuoffenbarung, sondern an deren Inhalt.

Wo liegt nun aber, so könnte man ja fragen, der Vorteil der Bibel gegenüber der Neuoffenbarung? Könnte man nicht die gleiche Argumentation, mit der die Glaubwürdigkeit der Neuoffenbarung in Frage gestellt wurde, auch gegen die Bibel verwenden?

Die Antwort auf diese Frage hängt wesentlich davon ab, worauf sich die beiden Schriften stützen. Dabei gibt es auch bei der Bibel historisch verwurzelte Missverständnisse:

»Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit.«
(2. Brief des Paulus an Timotheus, Kapitel 3, Verse 16f)


Martin Luther - neben berechtigter Kirchenkritik hinterließ er auch sehr zweifelhaft Thesen.
"Sola scriptura" - das ist ein mächtiges Schwert (vgl. Brief an die Epheser Kapitel 6, Verse 11-20, insb. Vers 17) gegen eine übermächtige korrupte Kirche. Luther war nicht der erste, der statt dem Sodom, zu dem der Vatikan verkommen war, insbesondere statt dem Papst als alleinigem Repräsentanten Gottes auf Erden, wieder Christus selbst und seine Frohe Botschaft in den Mittelpunkt der Christenheit stellen wollte. Doch er war einer der wenigen, die überlebten.

Luther hatte in den Fürsten seiner Zeit mächtige Verbündete, die mit seiner Hilfe dem Kaiser "von Gottes Gnaden" (eigentlich von des Papstes Gnaden) nun auch religiös etwas entgegensetzen konnten. Die Bibel wurde so auch zur politischen Waffe. Dass Inhalte der Bibel dabei oft in den Hintergrund traten, deckte u.a. die brutale Niederschlagung der Bauernaufstände schonungslos auf. Nicht die Befreiung zur persönlichen Beziehung zu Gott stand im Mittelpunkt, sondern die Ablösung des Papstes durch die Glaubenshoheit der Fürsten. Das Joch blieb, nur die Peiniger wechselten.

Dabei bezog Luther das "sola scriptura" ursprünglich auf die Auslegung der Bibel. Trotzdem wird heute unter Berufung auf Luther, auf 2.Tim 3,16 und als Abgrenzung zu einer skeptischen Bibelexegese die Bibel oft zur Gottheit verklärt, um sie anschließend Andersdenkenden um die Ohren schlagen zu können. Dahinter steht stillschweigend wieder die Hoffnung, Gott verfügbar zu machen um Christus vor seinen eigenen Karren spannen zu können. Doch so wie Luther manchmal auch Probleme hatte mit dem, was er in der Bibel fand (z.B. im Jakobusbrief), ergeht es auch manchen sogenannten "Evangelikalen". In der Bibel offenbart sich Gott, aber Gott überließ es Menschen, diese Offenbarungen aufzuschreiben (vgl. z.B. Lukasevangelium, Kapitel 1, Verse 1ff). So finden wir in der Bibel die Berichte von Menschen, die etwas mit Gott erlebten und wir finden diese Berichte nicht anders, als sie die Menschen damals eben schreiben konnten.

»Und der HERR war mit Juda, und er nahm das Gebirge in Besitz. Aber die Bewohner der Ebene waren nicht zu vertreiben, weil sie eiserne Wagen hatten.«
(Richter, Kapitel 1, Vers 19)

Die Menschen erlebten Gottes Hilfe. Trotzdem konnten sie die Bewohner der Ebene nicht vertreiben und führten das auf die eisernen Wagen zurück. Das war aber deren Problem und nicht das Problem Gottes, denn an anderen Stellen konnte Gott Menschen mit eisernen Wägen vertreiben. So heißt es im Buch davor:

»(...) Denn du wirst die Kanaaniter vertreiben, auch wenn sie eiserne Wagen haben, - auch wenn sie stark sind.«
(Josua, Kapitel 17, Vers 18)

Die Menschen sahen die Welt anders als wir heute und wir sehen sie anders, als sie unsere Nachkommen sehen werden.

»Damals redete Josua zum HERRN, an dem Tag, als der HERR die Amoriter vor den Söhnen Israel dahingab, und sagte vor den Augen Israels: Sonne, stehe still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne still, und der Mond blieb stehen, bis das Volk sich an seinen Feinden gerächt hatte. Ist das nicht geschrieben im Buch Jaschar? Die Sonne blieb stehen mitten am Himmel und beeilte sich nicht unterzugehen, ungefähr einen ganzen Tag lang.«
(Josua, Kapitel 10, Verse 12f)

Wenn Josua schreibt was er sieht, so schreibt er, dass die Sonne still stand. Vielleicht würde heute jemand schreiben, dass die Erde aufhörte sich zu drehen. Oder in hundert Jahren, dass die Schlacht in einer Zeitblase stattfand. Aber ändert das etwas an dem, was Gottes Volk erlebt hat? Gott arbeitet mit Menschen zusammen und für ihn sind Menschen nicht nur Statisten. Gott vertraute den Menschen seine Schöpfung an, seine Botschaft und sogar seinen Sohn, obwohl klar war, dass die Menschen ihn umbringen. Man mag es als Schwäche Gottes sehen, dass Gott uns immer mit einbezieht, andererseits spricht es für Gott, dass er trotzdem zum Ziel kommt. Jeder Christ ist Teil von Gottes Wort. Jeder Christ ist Stellvertreter Christi auf Erden. Trotz aller Schwäche des Einzelnen. Denn dort, wo Menschen, die Gott vertrauen, schwach sind, ist Gott umso stärker.

»Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.«
(2. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 12, Vers 9)

Es ist nur konsequent, dass die Bibel von Menschen geschrieben wurde. Es ist nur konsequent, wenn wir auch in der Bibel die Schwachheit dieser Menschen erkennen. Aber es ist vor allem ein Zeichen für die Größe Gottes, dass uns gerade diese berichteten Erlebnisse, wie kein anderes Zeugnis, Gott in seiner ganzen Herrlichkeit offenbaren und dass wir hier letztlich die Wahrheit finden. Viele Missverständnisse entstehen, weil oft weder die Zeit, noch der Autor, noch dessen Absicht, noch die Situation und der Rahmen des Textes berücksichtigt werden. Andere reduzieren die biblischen Texte auf das, was sie sich persönlich vorstellen können und halten diese Arbeitsweise auch noch für wissenschaftlich (einige Strömungen der historisch-kritischen Exegse). Doch wenn man die Bibel wirklich ernst nimmt, kann man immer wieder erleben: Hier redet Gott selbst mit mir! Die Stärke der Bibel liegt also nicht nur in ihrem Inhalt, sondern auch in ihrer Entstehungsgeschichte. Sie stützt sich nicht auf einen Zeugen, sondern auf viele, deren Schilderungen aus verschiedenen Perspektiven ein umfassenderes Bild der Heilsgeschichte zeichnen als die Sichtweise nur eines Einzelnen.

In der Bibel kommen über 40 Autoren aus allen gesellschaftlichen Schichten zu Wort. Diesen Autoren decken einen Zeitrahmen von fast eineinhalb Jahrtausenden ab. Historische Ereignisse und Orte lassen sich rekonstruieren und zu vielen Berichten gibt es außerbiblische oder archäologische Quellen. Die biblischen Berichte können sich also auf die historischen Fakten stützen, die den damals lebenden Autoren unmittelbar zugänglich waren.

Die Neuoffenbarung stützt sich dagegen allein auf einen österreichischen Dorfschullehrer und Musiker, der über tausendachthundert Jahre nach den Ereignissen in Israel in einer Umbruchphase seines Lebens auf einmal Stimmen hört und sie für Gott hält.

Gerade die historische Verankerung durch Menschen, die Ereignisse, Erfahrungen und Glaubensüberzeugungen niederschrieben, macht also eine wesentliche Stärke der Bibel aus. Wie ein roter Faden zieht sich trotz aller menschlichen Verfehlungen und Irrtümer, trotz all der Verschiedenheiten der Schreiber, der Zeiten und Situationen die Geschichte eines Gottes durch die Bibel, der den Kontakt zu seinen Menschen sucht und schließlich selbst Mensch wird um uns zu retten.

Die Bibel ist dabei nicht Gott – und schon gar nicht der wiedergekommene Christus, wie es die Neuoffenbarung für sich beansprucht. Sie zeigt uns Gott.
Sie ist kein Dogma. Sie ist eine Herausforderung. Mit all ihren Ecken und Kanten lädt sie uns mit unseren Ecken und Kanten ein zu einem Leben mit Gott. Dieses Versprechen ist nicht vergleichbar mit dem der Neuoffenbarung. Aber es kann dafür eingehalten werden.


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